Wissensgesellschaft

Während der derzeitigen Übergangsphase von der Industrie- zur Wissensgesellschaft nimmt die Bedeutung der Produktivkräfte Arbeit und Kapital ab, während Wissen immer wichtiger wird – es ist das „kulturelle Kapital“ einer Gesellschaft. Durch die schon jetzt mehr als 6.000 Einzeldisziplinen umfassenden Wissenschaften werden immer mehr Kenntnisse produziert werden. Die Aufwendungen für Forschung und Entwicklung werden weiter steigen; der technische Fortschritt wird sich beschleunigen. So wird das technische Wissen von heute nur noch 1% des technischen Wissens im Jahr 2050 ausmachen. Die Globalisierung wird immer mehr zum Motor für die Produktion neuer Erkenntnisse werden, da Unternehmen nur durch „mehr Wissen“ auf den Weltmärkten wettbewerbsfähig bleiben können.

In den kommenden Jahrzehnten werden sich laut dem „Wissens-Delphi“ Fachgebiete besonders dynamisch entwickeln, bei denen ein enger Zusammenhang zu drängenden Problemen besteht oder von denen ein Beitrag zur Steigerung der wirtschaftlich-technischen Leistungsfähigkeit erwartet wird. Dazu gehören z.B. Informationstechnik, neue Medien, Biotechnologie, Medizin, Umweltschutztechnik sowie Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Auch das Wissensmanagement wird an Bedeutung gewinnen, da die Informationsflut irgendwie bewältigt und aufbereitet werden muss. Hingegen werde die „Wissensproduktion“ in den Geisteswissenschaften, in Kunst und Musik sowie in der Grundlagenforschung von Mathematik, Chemie und Physik eher zurückgehen. Insbesondere bei sehr komplexen Problemfeldern, aber auch aufgrund der zunehmenden Spezialisierung und der Informationsflut, wird interdisziplinäre Zusammenarbeit zur Regel werden.

Die Menschen werden sich immer intensiver mit Informationen befassen; der Zugang zu ihnen wird durch neue Technologien weiter erleichtert werden. Ihre Beschaffung und Nutzung werden aber immer mehr zeitliche und intellektuelle Ressourcen binden. Insbesondere ältere Arbeitnehmer/innen werden sich durch die Informationsflut gestresst fühlen. Zudem wird in den weltumspannenden, frei zugänglichen Netzen die Verlässlichkeit von Informationen weiter abnehmen. Beispielsweise steuert Google (laut websitehostingrating.com im Jahr 2020 mit rund 7 Milliarden Anfragen pro Tag die meistgenutzte Suchmaschine), was an Suchergebnissen in welcher Reihenfolge gelistet wird – und berücksichtigt dabei, was über die jeweiligen Nutzer/innen bekannt ist. Aber auch durch die verwendeten Algorithmen wird das von Google gespeicherte Wissen bewertet, gefiltert und vorausgewählt, wobei die verwendeten Kriterien unbekannt sind. Zudem werden in vielen (entwickelten) Ländern über das Internet immer mehr Informationen verbreitet, die wissenschaftlich nicht haltbar sind. Auch werden von radikalen Gruppen Propaganda und andere manipulierende Informationen in das Internet eingespeist. Das bedeutet, dass die Informationsbeschaffung und -überprüfung zu einem individuellen und gesellschaftlichen Optimierungsproblem wird. Die Menschen werden sich immer häufiger als unzureichend informiert erleben, was oft zu Gefühlen individueller Ohnmacht führen dürfte.

Wissensferne Gruppen

Die Wissensgesellschaft bietet dem Einzelnen viele Freiräume, was aber durchaus auch zu Ängsten und Orientierungslosigkeit führen kann. Viele Menschen werden deshalb nach Rückhalt in Gruppierungen mit einer klaren und eindeutigen Ideologie suchen.

Für einen Staat ist es besonders problematisch, wenn sich große Teile der Bevölkerung „wissensfernen“ Gruppen anschließen – insbesondere wenn diese die Erkenntnisse ganzer Wissenschaftsdisziplinen negieren. So ergab z.B. eine Umfrage des National Science Board, dass in den USA nur 45% der Befragten der Aussage „Menschliche Wesen, wie wir sie heute kennen, entwickelten sich aus früheren Spezies von Tieren“ zustimmten (in Japan waren es 78%, in Europa 70% und in China 69%). Nur 33% der Amerikaner hielten die Aussage „Das Universum begann mit einer großen Explosion“ für richtig. Und laut dem „Pew Survey“ von 2014 glaubten 31% der Erwachsenen in den USA, dass „Menschen und andere Lebewesen in der jetzigen Form von Anbeginn der Zeit an existieren“. Je religiöser die Befragten waren, umso eher stimmten sie dieser Aussage zu – am häufigsten evangelikale Protestanten mit 60%.

Solche Positionen, insbesondere wenn sie wie in den USA auch an vielen Schulen vermittelt werden, führen zu einer kritischen Haltung gegenüber den (Natur-) Wissenschaften. Diese Einstellungen erschweren den Übergang in die Wissensgesellschaft und können somit negative Folgen für Politik und Wirtschaft haben. Zudem wird die Kluft zwischen „wissensnahen“ und „wissensfernen“ Gruppen mit der Zeit immer größer werden und könnte zu einer Spaltung der Gesellschaft führen.

Die Produktivität der Wirtschaft beruht inzwischen nur noch zu einem Drittel auf Investitionen in Sachkapital, aber zu zwei Dritteln auf Investitionen in Humankapital. Auch in Politik, Verwaltung, Kultur usw. spielen Wissen und Kompetenz eine große Rolle. So kommt dem Bildungssystem eine herausragende Bedeutung zu: Es muss Kinder, Jugendliche und Heranwachsende in die Wissensgesellschaft einführen.

Frühkindliche Bildung

Schon seit einiger Zeit ist die Tendenz zu beobachten, dass das Bildungssystem Kinder vom Alter her immer früher und von der täglichen Dauer her immer länger in Anspruch nimmt. So wird einerseits der frühkindlichen Bildung eine größere Relevanz für die spätere Entwicklung beigemessen: Kleinkinder sollten möglichst schon vor ihrem dritten Lebensjahr in Kindertagesstätten und Tagespflegestellen umfassend gefördert werden. Andererseits werden immer mehr Ganztagseinrichtungen geschaffen, in denen mehr Zeit für die Erziehung und Bildung der Kinder zur Verfügung steht. Zugleich soll durch den Ausbau des vorschulischen Bildungssystems dem Wunsch der Elternteile, die das jeweilige Kind überwiegend betreuen, nach einer möglichst frühzeitigen Rückkehr in den Beruf entsprochen werden.

So stieg die Betreuungsquote bei Kindern unter drei Jahren laut Bundesamt für Statistik von 23,0% im Jahr 2010 auf 35,0% im Jahr 2020, wobei es große Unterschiede zwischen den Ländern gab: Die Extreme waren 29,0% in Bremen und 58,3% in Sachsen-Anhalt. Der Bedarf der Eltern kann damit aber noch nicht abgedeckt werden, zumal er immer noch ansteigt: So wünschten sich laut Bildungsbericht 49% aller Eltern eine Tagesbetreuung für ihr unter dreijähriges Kind (2019). Bei den Drei- bis Sechsjährigen lag die Betreuungsquote in den letzten zehn Jahren bei über 90% (2010: 92,2%, 2020: 92,5%) und entsprach damit weitgehend dem Platzbedarf.

Im Jahr 2018 wurden laut Statistischem Bundesamt im bundesweiten Durchschnitt 18,8% der Kinder unter drei Jahren durchgehend mehr als sieben Stunden in einer Kindertageseinrichtung oder in Kindertagespflege betreut; im Jahr 2010 waren es erst 11,6%. Bei drei- bis sechsjährigen Kindern nahm die Ganztagsquote von 32,3% (2010) auf 46,1% (2018) zu. Aber auch hinsichtlich einer ganztägigen Betreuung liegt der Bedarf der Eltern über dem Angebot. So werden in den kommenden Jahren viele weitere Ganztagsplätze geschaffen werden. Jedoch fehlt es an Personal – zumal auch immer mehr sozialpädagogische Fachkräfte an Grundschulen mit Ganztagsbetreuung eingesetzt werden sollen: Die Personallücke wird laut Bundesfamilienministerium im Jahr 2025 bis zu 191.000 Erzieher/innen und im Jahr 2030 bis zu 199.000 Fachkräfte betragen.

Kindertagesstätten werden immer mehr als Bildungseinrichtungen gesehen, in denen Kleinkinder bestimmte Kompetenzen entwickeln und Kenntnisse in verschiedenen Bildungsbereichen erwerben sollen. Deshalb haben die Bundesländer detaillierte Bildungspläne verabschiedet, an denen sich Erzieher/innen (und Tagespflegepersonen) orientieren müssen. So sollen Kindertagesstätten Bildungsangebote in den Bereichen Sprache, Literacy, Naturwissenschaften, Mathematik, Technik, Religion, sozial-emotionale Entwicklung, Medienbildung, interkulturelle Erziehung, Umweltbildung, geschlechtsbewusste Erziehung, Kunst, Musik, Fein- und Grobmotorik machen.

Da Kinder mit Migrationshintergrund sowie Kinder aus sozial schwachen Familien schlechtere Bildungschancen als andere Kinder haben, müssen sie zunehmend besondere Sprachförderprogramme und kompensatorische Angebote durchlaufen. Diese Aufgaben von Kindertageseinrichtungen und Tagespflegestellen werden immer wichtiger: Beispielsweise hatten laut Bildungsbericht im Jahr 2019 fast 29% aller betreuten Kinder einen Migrationshintergrund; 22% aller Kleinkinder sprachen zu Hause eine andere Sprache als Deutsch (2015: 18%). Letzteres trifft in einigen Bundesländern – z.B. in Hessen, Berlin und Bremen – sogar auf jedes dritte Kind zu. Problematisch ist, dass diese Kinder später als Kinder mit deutschen Eltern in den Genuss frühkindlicher Bildung kommen: Laut Statistischem Bundesamt befanden sich 2019 nur 21% der unter Dreijährigen und 81% der Drei- bis Sechsjährigen mit Migrationshintergrund in Kindertagesbetreuung, aber 42 bzw. 100% der Kinder deutscher Eltern. Je später Kinder, die zu Hause eine andere Sprache sprechen, vom Bildungssystem erreicht werden, umso schwerer fällt ihnen in der Regel der Erwerb der deutschen Sprache und umso schlechter können sie zumeist dem Unterricht in der (Grund-) Schule folgen.

Schulbildung

In den kommenden Jahren werden immer mehr Schüler/innen Ganztagsschulen besuchen. Anfang 2019 nutzten laut Bildungsbericht bereits 50% aller Grundschüler/innen ein ganztägiges Angebot. Bis der bundesweite Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung im Grundschulalter im Jahr 2025 in Kraft tritt, müssen noch weitere 785.000 Ganztagsplätze in Schulen und/oder Horten geschaffen werden. Neben Erzieher/innen werden dann laut Bertelsmann Stiftung auch 26.300 Grundschullehrer/innen fehlen.

Nach nationalen und internationalen Schulleistungsstudien hat sich an Grundschulen nicht nur der Anteil leistungsschwacher Kinder vergrößert, sondern auch ihr Abstand zu der ebenfalls wachsenden Anzahl besonders leistungsstarker Schüler/innen. Ähnliches gilt für die Sekundarschulen: Laut den PISA-Studien ist die Leistungsheterogenität bei 15-Jährigen in den Kompetenzbereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Rund ein Fünftel aller Sekundarschüler/innen gilt inzwischen als leistungsschwach. So ist es nicht verwunderlich, dass die Zahl der Schüler/innen mit Förderbedarf stetig steigt: Sie nahm laut KMK von 6,0% im Jahr 2009 auf 7,4% im Jahr 2018 zu; insgesamt 556.317 Schüler/innen hatten einen sonderpädagogischen Förderbedarf. Tendenziell werden mit dem Ziel der Inklusion immer mehr Förderschüler/innen an regulären Schulen unterrichtet – ihr Anteil stieg von 19,8% im Jahr 2009 auf 42,3% im Jahr 2018.

Vergleicht man die Ergebnisse von PISA 2009 mit denen von PISA 2018, so hat sich die Lesekompetenz bei 15-Jährigen um 1 Punkt auf 498 Punkte verbessert. Hingegen hat sich die mathematische Kompetenz um 13 Punkte auf 500 Punkte und die naturwissenschaftliche Kompetenz um 17 Punkte auf 503 Punkte verschlechtert. Damit lagen die Sekundarschüler/innen über dem OECD-Durchschnitt von 487, 489 bzw. 489 Kompetenzpunkten, aber weit unter den Spitzenreitern: Bei der Lesekompetenz erzielten 15-Jährige in Estland 523, in Kanada 520 und in Finnland ebenfalls 520 Punkte, bei der mathematischen Kompetenz Schüler/innen in Japan 527, in Korea 526 und in Estland 523 Punkte sowie bei der naturwissenschaftlichen Kompetenz Schüler/innen in Estland 530, in Japan 529 und in Finnland 522 Punkte.

Aufgrund des unbefriedigenden Abschneidens deutscher Schüler/innen bei internationalen Vergleichsstudien – aber auch mit Bezug auf die Wissensgesellschaft und die Erwartungen an (zukünftige) Arbeitnehmer/innen – werden die Leistungsanforderungen wahrscheinlich in den nächsten Jahren erhöht werden. Vermutlich werden Fördermaßnahmen für Kinder mit Migrationshintergrund bzw. aus sozial schwachen Familien ausgebaut werden, da sie unter den leistungsschwachen Schüler/innen überrepräsentiert sind.

Derzeit werden nicht die Lehrer/innen, sondern die Schüler/innen für ihre Leistungen verantwortlich gemacht: So werden von ihnen eine hohe Lernmotivation, ein großer Arbeitseinsatz, viel Selbsttätigkeit und Durchhaltevermögen verlangt. Zudem werden Schüler/innen immer häufiger „bewertet“ – mit Hilfe von Zensuren, Tests und zentralen Prüfungen. Da in der Regel Kenntnisse abgefragt werden, lernen sie, sich diese effektiv und in kürzester Zeit anzueignen. Eine persönliche Relevanz haben diese Lerninhalte aber nur selten, und so werden sie oft schnell wieder vergessen. Da immer nur das Wissen Einzelner erfasst und bewertet wird, werden Schüler/innen zu „Einzelkämpfern“. Sie lernen nicht, miteinander zu kooperieren – und auch nicht komplexe Probleme zu lösen, da solche Leistungen nicht wie Kenntnisse abgefragt werden können. So produziert das deutsche Schulsystem derzeit viele Absolvent/innen, die weder für kreative und innovative Tätigkeiten noch für Führungsaufgaben qualifiziert wurden. Sie haben nicht gelernt, in Teams zu arbeiten, ihr Wissen mit dem anderer Personen zu kombinieren, Konflikte zu lösen, kritisch oder divergent zu denken. Überspitzt gesagt: Wer nur auswendig zu lernen gelernt hat, ist für die Arbeitswelt von heute und morgen schlecht gerüstet. Noch ist offen, ob sich in den kommenden Jahren schulpädagogische Ansätze durchsetzen können, die eher den Bedarfen von Wirtschaft und Gesellschaft entsprechen.

Zugleich wird der Druck auf die Bundesländer wachsen, für vergleichbare Bildungschancen zu sorgen: Es wird nicht länger akzeptabel sein, dass laut Chancenspiegel 2017 beim Kompetenzerwerb in der 9. Klasse ein Unterschied von mehr als drei Lernjahren zwischen Sachsen und Bremen bestand, dass bei der Abiturientenquote die Bandbreite zwischen rund 53% in Hamburg und circa 30% in Bayern variierte oder dass der Prozentsatz ausländischer Schulabgänger ohne Abschluss zwischen knapp 4% in Brandenburg und 27% in Sachsen schwankte. Zugleich wird auch zunehmend die Leistung der Lehrer/innen überprüft werden, indem z.B. an allen Schulen eines Bundeslandes dieselben Vergleichsarbeiten geschrieben oder (Abschluss-) Prüfungen zentral durchgeführt werden.

Obwohl die Wissensgesellschaft immer besser gebildeter Menschen bedarf, sind in den letzten Jahren eher gegenläufige Trends im Schulsystem festzustellen: So ist der Anteil der Jugendlichen, die ohne (mindestens) einen Hauptschulabschluss von der Schule abgehen, laut Bildungsbericht von 5,7% im Jahr 2013 auf 6,8% im Jahr 2018 gestiegen. Aber auch die Übergangsquoten ans Gymnasium und die Quote der Absolvent/innen mit mittlerem Schulabschluss stagnieren bzw. sind rückläufig. Die Abiturientenquote ist von 53% aller Schulabgänger im Jahr 2014 auf 51% im Jahr 2018 gesunken. Problematisiert wird auch der hohe Anteil des Einser-Abiturs, der zudem zwischen den Bundesländern variiert – im Jahr 2018 laut Rheinischer Post zwischen 38% in Thüringen und 17% in Schleswig-Holstein.

Während 2018 laut Bildungsbericht nur 45% der jungen Männer die Hochschulreife erwarben, waren es 57% der jungen Frauen. So sind Schülerinnen kommunikativer und verbal geschickter, weswegen sie im Unterricht eher „glänzen“ als Schüler. Zudem sind sie seltener verhaltensauffällig, widmen sie sich intensiver ihren Hausaufgaben und verbringen sie weniger Zeit vor dem Fernseher, dem Computer oder der Spielkonsole. So wurde inzwischen nachgewiesen, dass ein intensiverer Medienkonsum mit schlechteren Zensuren korreliert. So ist nicht auszuschließen, dass es in Zukunft besondere Fördermaßnahmen für männliche Schüler geben wird.

Berufsbildung

Weil es Unternehmen und Handwerksbetrieben aufgrund der abnehmenden Zahl jüngerer Menschen immer schwerer fällt, Ausbildungsplätze zu besetzen, wird der Druck auf die (Haupt-) Schulen größer werden, jeden Schüler zumindest mit den für solche Stellen notwendigen Kompetenzen auszustatten. Da die Anforderungen in der Arbeitswelt ständig zunehmen, ist es nicht verwunderlich, dass 2018 nur ein Viertel der Jugendlichen ohne Schulabschluss und knapp drei Fünftel derjenigen mit Hauptschulabschluss einen vollqualifizierenden Ausbildungsplatz fanden, aber mehr als vier Fünftel der Jugend-lichen mit einem mittleren Abschluss und nahezu alle Bewerber/innen mit Hochschulreife.

An der dualen Berufsausbildung wird in naher Zukunft sicherlich festgehalten werden, da sich die Verzahnung von betrieblichem und schulischem Lernen bewährt hat und für die deutsche Wirtschaft ein Wettbewerbsvorteil ist. Sie verzeichnete 51% der Neuzugänge des Jahres 2019, und das Schulberufssystem weitere 23%. Die Größe des Übergangssektors (knapp 26%) verdeutlicht, wie viele Schulabgänger/innen ohne Hauptschulabschluss, mit unzureichenden kognitiven, sozialen bzw. persönlichen Kompetenzen oder mit einem Status als Flüchtling bzw. Asylant weder einen Ausbildungsplatz noch eine Arbeitsstelle fanden, für die nur niedrige Qualifikationen verlangt wurden. Es ist nicht damit zu rechnen, dass der Übergangssektor in naher Zukunft an Bedeutung verlieren wird.

In den kommenden Jahren werden immer mehr Berufsanfänger/innen durch Training on the Job qualifiziert werden, da es insbesondere in den Zukunftsbranchen viele Arbeitsstellen geben wird, für die es (noch) keine anerkannten Ausbildungsgänge gibt. Die Anforderungen werden aber so hoch sein, dass nur gut qualifizierte Schulabgänger/innen für diese Arbeitsplätze in Frage kommen werden.

Hochschulbildung

Derzeit gibt es in Deutschland rund 2,9 Millionen Student/innen, die zwischen mehr als 20.000 Studiengängen wählen können. In den nächsten Jahren wird versucht werden, die Zahl der Studierenden weiter zu erhöhen – insbesondere mit Studienabschlüssen in den Wirtschafts-, Natur- und Ingenieurwissenschaften. So konnten im Jahr 2019 laut der OECD-Studie „Bildung auf einen Blick 2020“ in Deutschland nur 33% der Personen im Alter von 25 bis 34 Jahren einen Tertiärabschluss vorweisen, während der OECD-Durchschnitt in dieser Altersgruppe 45% betrug. Allerdings hatten 35% der deutschen Hochschulabsolvent/innen ein Studium in den zukunftsträchtigen MINT-Fächern absolviert – gegenüber 23% im Durchschnitt der OECD-Länder (2018).

Es gibt also noch einen großen Nachholbedarf – vor allem bei jungen Menschen aus bildungsschwachen Familien: Laut einer Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissensforschung aus dem Jahr 2018 beginnen wohl 79 von 100 Akademikerkindern, aber nur 27 Kinder von Nichtakademikern ein Studium. Haben die Eltern überhaupt keinen Schulabschluss, sind es sogar nur 12%.

Unter den Student/innen werden immer mehr Personen sein, die bereits im Berufsleben standen oder berufsbegleitend studieren. Oft werden sie sich auch für ein Fernstudium entscheiden. Diese Personen wollen zusätzliche Qualifikationen erwerben oder ein ganz neues Studium absolvieren, da sie in ihrem bisherigen Arbeitsfeld keine Zukunft mehr für sich sehen. Neben den „klassischen“ akademischen Graden wie Bachelor, Master oder Doktor wird es vermehrt Studienabschlüsse und Zertifikate geben, die im Rahmen von Aufbau-, Weiterbildungs- und Ergänzungsstudiengängen erworben werden können. Viele Studienangebote werden modular aufgebaut sein.

Neben der Zahl der Studierenden muss aber auch die Qualität des Studiums gesteigert werden, die insbesondere unter der Einführung der Bachelor- und Masterabschlüsse gelitten hat. Nur drei deutsche Universitäten gehören laut den „World University Rankings 2020“ von Times Higher Education zu den 50 besten Hochschulen der Welt: Die Ludwig-Maximilians-Universität München belegte den 32. Platz, die TU München den 43. Platz und die Universität Heidelberg den 44. Platz. Da der Bologna-Prozess auch nicht zu der erwarteten Verkürzung der Studiendauer geführt hat, ist hier mit weiteren Reformen zu rechnen (z.B. „Entschlackung“ der Studienpläne).

Laut Bildungsbericht werden digitale Medien und Präsentationstools in nahezu allen Vorlesungen und Seminaren häufig eingesetzt, werden an allen Hochschulen zunehmend Texte und andere Lernmaterialien online zur Verfügung gestellt und immer öfter Formen elektronischer Prüfungen erprobt. Etwa ein Viertel der Lehrenden setzt virtuelle Übungen, digitale Lehrwerkzeuge, Wikis oder elektronische Lernspiele und Simulationen ein. Dank der vorhandenen Ausstattung und der Qualifizierung der Dozent/innen konnten die meisten Lehrveranstaltungen und knapp zwei Drittel der Prüfungen im Sommersemester 2020 online durchgeführt werden, als aufgrund der Corona-Pandemie keine Präsenzveranstaltungen erlaubt waren.

Online-Studiengänge werden in Zukunft generell eine größere Rolle spielen. So stellen weltweit immer mehr Dozent/innen ihre Vorlesungen, Kurse und Übungen in das Internet ein. Oft wird gleichzeitig ein (Tele-) Tutoring angeboten. Der Kontakt zu den Professor/innen und zu anderen Student/innen erfolgt per E-Mail oder Chat, in Foren oder Videokonferenzen. Manche Aufgaben müssen von Studierenden gemeinsam bearbeitet werden, aber auch von Online-Rollenspielen und Simulationen wird Gebrauch gemacht. Tests werden gleichzeitig online ausgefüllt. Die Kurse können weltweit abgerufen werden und kosten zumeist nur wenig, sodass sie z.B. auch von Menschen in Entwicklungsländern genutzt werden können.

Weiterbildung

Da in der Wissensgesellschaft dem lebenslangen Lernen eine große Bedeutung zukommt, wird in den nächsten Jahren der Fort- und Weiterbildungsbereich expandieren. Die Menschen werden sich in Zukunft vermehrt Kenntnisse und Kompetenzen in Erwachsenenbildungseinrichtungen, bei privaten Instituten, durch multimediale Lehr- und Schulungsprogramme, via Internet, im Ausland oder direkt am Arbeitsplatz unter Anleitung erfahrenerer Kolleg/innen aneignen. So werden die Menschen im Verlauf ihres Lebens immer wieder neue Qualifikationen erwerben.

Laut dem Bildungsbericht hat die Teilnahmequote bei Bildungs- und Lernaktivitäten von 47,5% der 18- bis 69-Jährigen im Jahr 2016 auf 52,3% im Jahr 2018 und die Zahl der abgeleisteten Stunden von 41,6 auf 45,7 zugenommen. Die Steigerung lässt sich insbesondere auf die berufliche Weiterbildung zurückführen, die vor allem in größeren Betrieben an Bedeutung gewinnt. Zumeist wurden Kurse und Lehrgänge besucht. Aber auch Schulungen am Arbeitsplatz spielten eine große Rolle.

Ferner wurden Angebote von kommunalen und kommerziellen Weiterbildungsanbietern intensiv genutzt. Sie sind vor allem für die Mitarbeiter/innen kleiner Betriebe, für Selbständige und Arbeitslose von Bedeutung. Volkshochschulen sollen eine flächendeckende Versorgung sicherstellen.

Jedoch ist das Weiterbildungsangebot laut Bildungsbericht in den östlichen Bundesländern und in bevölkerungsarmen Regionen schlechter als im übrigen Deutschland. Zudem liegen die Teilnahmequoten von Menschen mit und ohne Hauptschulabschluss unter denen mit (Fach-) Hochschulabschluss, werden weniger Menschen mit Migrationshintergrund erreicht – sieht man einmal von den Integrationskursen für Flüchtlinge ab.

Junge Menschen zukunftsfähig machen

Wie (Klein-) Kinder und Jugendliche „fit für die Zukunft“ gemacht werden können, wird in meinem Buch „Zukunftsorientierte Pädagogik: Erziehen und Bilden für die Welt von morgen“ erörtert (Norderstedt: Books on Demand, 2. Aufl. 2018 – direkt bei Amazon bestellen). Kindern und Jugendlichen sollen ja Kenntnisse und Fertigkeiten mitgegeben werden, die sie benötigen, damit sie später in der Arbeitswelt erfolgreich sein, positive Beziehungen zu anderen Menschen aufbauen und ihr persönliches Glück finden können. Um diese Ziele zu erreichen, ist zu fragen: Wie werden die Kinder von heute in 20 oder 40 Jahren leben? In was für einer Welt werden sie dann zurechtkommen müssen? Mit welchen Herausforderungen werden sie konfrontiert werden? Was werden sie dann an Wissen benötigen?

Im ersten Teil des Buches wird beschrieben, wie sich Zukunftsforscher/innen die Welt in 20 oder 30 Jahren vorstellen. Nach jedem Kapitel werden relevante Kompetenzen aufgezeigt, die Menschen zur Bewältigung der jeweiligen Zukunftsentwicklungen benötigen. Die so erarbeiteten Fähigkeiten und Qualifikationen werden im zweiten Teil des Buches zusammengefasst. Im dritten – und längsten – Teil des Buches wird diskutiert, wie Familie, Kindertageseinrichtung und Schule Kinder „zukunftsfähig“ machen können.